Wenn man einige Jahre Usergruppen leitet und auch als Vortragsreisender für bestimmte Technologien unterwegs war, also klassisch als unabhängiger technologischer Evangelist (klingt komisch auf Deutsch, soll aber Technical Evangelist übersetzt sein) wirkt, kommt es immer wieder zu ähnlichen Beobachtungen, denen ich in diesem Blogeintrag einmal nachgehen will.
Wenn ich eine Technologie als Usergruppenleiter oder unabhängiger Evangelist vertrete, tue ich dies aus der Überzeugung heraus, dass die Technologie gut, interessant und viel versprechend ist. Wenn ich meine Zeit in eine Technologie investiere, muss mir klar sein, dass ich diese Technologie auch selber nutzen und in Kundenprojekten einsetzen will und werde. Ich bin auf Seiten der Entwickler, die meine Veranstaltungen besuchen, weil sie aus erster Hand eines Entwicklers hören wollen, wie es sich mit dieser oder jener Technologie verhält.
Entspringt die Technologie oder das Projekt aber einer Firma, kommen ganz andere Interessen mit dazu. Der Firma geht es weniger um die Coolness oder die für Entwickler interessanten Dinge dabei, sondern es geht ihr letztlich darum, mehr Technologie und mehr Produkte zu verkaufen. Die meisten Firmen haben ihre eigenen bezahlten Evangelisten, deren Erfolg wird aber in der Zahl der “bekehrten” Entwickler oder aber schlicht in Verkaufszahlen gemessen. Einer solchen Erfolgskontrolle unterliegen freie Evangelisten nicht – sie tun es aus Überzeugung. Diese Authentizität lässt sich nicht kaufen, sie muss aus Überzeugung entstehen – genau diese aber ist es, die den Unterschied zu Veranstaltungen macht, bei denen immer auch mehr oder weniger Produktmarketing betrieben wird.
Ein weiterer Konflikt ist an der Stelle auszumachen, wenn Firmen mehrere Technologien haben, die miteinander arbeiten. Hier gilt aus Firmenperspektive die Devise des Cross-Sellings, also jene Frontend-Technologie arbeitet am besten mit dieser Backend-Technologie aus dem selben Haus zusammen oder diese Software passt exzellent zu der Hardware des gleichen Herstellers. Natürlich gibt es Alternativen aber einem Corporate Evangelist wird es vorwiegend um das Promoten der eigenen Technologien gehen. Hier sind freie Evangelisten wieder im Vorteil, sie werden das propagieren, was aus ihrer Erfahrung und Praxis heraus am meisten Sinn macht.
Eine Ausnahme für das hier beschriebene bilden die Usergruppen oder Veranstaltungen, die aus Community Projekten hervorgegangen sind und zumeist unter die Klassifikation Free and Open Source Software (FOSS) fallen. Hier verhält es sich anders, da im Unterschied zu Technologien und Projekten hinter denen Unternehmen stehen, keine Drittinteressen im Spiel sind.
Christian Heilmann – seines Zeichens Web Developer Evangelist für das Yahoo Developer Network – führt in seinem neuen Buch-Projekt Developer Evangelism aus, wie sich Corporate Developer optimal geben sollten, um einen maximalen Impact zu erzielen. Für freie Evangelisten, die Technologien aus Überzeugung promoten bietet das Buch weniger als für Corporate Evangelists. Geht man die Kapitel durch wird deutlich, dass diese aus Überzeugung für die Technologie auftreten müssen und nicht um Produkte zu verkaufen. Die Firma, für die man arbeitet muss in den Hintergrund treten, die Technologie muss im Mittelpunkt stehen:
Yes, you work for a certain company that builds a lot of products, some of them cool – some of them terrible. The point of developer evangelism is not to get people excited about the brand or the company behind it though.
Instead it is about the products the company releases and even more specifically about getting developers excited about playing with them.
Diese uns andere Einsichten Heilmanns sind diejenigen, die einen Evangelisten erfolgreich machen sollen. Natürlich gehört dazu auch ein Management, was diese Art von Evangelisation unterstützt – es ist eben ein allumfassender Lernprozess.
Freie Evangelisten sind hier im Vorteil: Vieles, was sich bei Unternehmensevangelisten ändern muss, ist bei ihnen sozusagen naturgegeben schon vorhanden. Die oben angesprochene Authentizität muss sich durch Begeisterung und Überzeugung für die Technologien speisen und aus nichts anderem sonst.
Entwickler sind selten Entscheider, aber sie sind öfter als man denkt Entscheidungsvorbereiter. Und wenn Entwickler von Technologien angesprochen sind steigt die Chance, dass das Management sich auch dafür entscheidet. Das Ziel von Unternehmensevangelisten, mehr Produkte zu verkaufen und mehr Entwickler für sich zu gewinnen, stellt sich so auch indirekt ein – aber ohne peinliche Marketing- und verkappte Promotionaktionen für Produkte.
Hier sind wiederum die freien Redner im Vorteil. Ihre Unabhängigkeit erzeugt auch die angesprochene Authentizität. Sie ist aber auch für die Unternehmen eine unberechenbare Komponente, weil deren Technologien zwar authentisch demonstriert und erklärt werden, aber nicht unbedingt auf die Art und Weise, wie es die Marketingabteilungen der Firmen gerne hätten. Unternehmen sollten diese Unberechenbarkeit aber nutzen, sie ist oftmals mehr Wert als gestreamlinte Marketingshows.